Posts Tagged: Politcamp


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Mai 09

Fazit #2: Das Politcamp 2009 in Berlin

Politcamp Politcamp09 pc09

Am Wochenende hat in Berlin zum ersten Mal das Politcamp stattgefunden, das erstmals all die zusammengebracht hat, die ein Interesse an Politik und Netztechnik/-kultur/-politik haben. Stattgefunden hat das Ganze im “Radialsystem V” bei wirklich herrlichem Wetter mit einem super Ausblick auf die Spree, die direkt am Gebäude langfließt. Dazu gab es an jedem Tag noch ein herrliches BBQ, sodass die drei Tage wirklich angenehm waren. Was alles an diesem Wochenende gelaufen ist, kann man in den Blogbeiträgen nachlesen, die hier verlinkt sind. Daher will ich mich kurz auf meine Eindrücke der drei Tage beschränken.

1. Die Organisation hat über alle drei Tage hinweg super funktioniert. Die Planung der Sessions lief ohne Probleme und auch die Sessions selber (zumindest die, die ich besucht habe) liefen sehr gut. Das einzige Problem ist natürlich, dass viele interessante Sachen parallel laufen und man so nicht immer alles mitbekommt, was man vielleicht gerne gehört hätte. Vielleicht kann man im nächsten Jahr einige Sessions am Sonntag wiederholen, damit man diese auch besuchen kann.

2. Die Party von Compuccino am Samstagabend war auch sehr gut. Coole Location mit Fenster am Fluß, entspannende Musik, akzeptable Preise und nette Leute. “Gerne wieder!” passt nicht nur bei eBay sondern auch hier ;)

3. Im nächsten Jahr schaffen wir es hoffentlich, mehr verantwortliche Politiker dazu zu bewegen, in den Sessions mit uns zu diskutieren. Nur kurz in der großen “Elefantenrunde” aufzutreten, ist für mich etwas zu wenig. Bei ausreichend langem Vorlauf, sollte es auch keine Terminprobleme geben.

Unterm Strich war es aber dennoch ein sehr gutes und vor allem lehrreiches Wochenende, an dem ich all die Menschen, die ich sonst nur über Twitter kenne, mal “in echt” gesehen und gesprochen habe. Allein das war es wert, nach Berlin zu fahren. Und, wie schon erwähnt: “Gerne wieder!”.


4
Mai 09

Fazit #1: Parteien und Politikerbashing beim Politcamp

Bevor ich ein Résumé über das Politcamp09 in Berlin schreibe (vorweg: Es war großartig!), wollte ich erst noch ein anderes Thema aufgreifen: Die gespürte Antihaltung einiger Teilnehmer gegenüber Politik und Politikern auf dem Politcamp. Das hat nämlich meines Erachtens wirklich fruchtbare Diskussionen verhindert. Der Reihe nach.
Angefangen hat das Polticamp09 am Freitag mit BBQ und Twitterlesung. Wer Twitterlesungen nicht kennt, wird hier erhellt: http://www.twitterlesung.de/. Es werden thematisch passende Tweets vorgelesen, was in der Regel wirklich unterhaltsam ist. Wer aber auf einem Politcamp seine Twitterlesung mit den Worten beginnt “Tweets von Politikern lesen wir nicht vor, die sind nämlich scheiße abgrundtief schlecht!”, sollte mir doch bitte mal erklären wer denn diese “Politiker” überhaupt sind, die soviel “Scheißeabgrundtiefen Kram” produzieren. Im Organisationsteam des Politcamp sind zum Beispiel Hansjörg Schmidt (@hschmidt) und Jens Matheuszik (@pottblog). Hansjörg ist Kommunalpolitiker und Vorsitzender der SPD Fraktion in der Bezirksversammlung Hamburg Mitte und Jens ist ebenfalls Kommunalpolitiker und Ratsmitglied in der Stadt Olfen. Bei beiden lese ich die Tweets wirklich sehr gerne, weil sie vernünftige Sachen schreiben. Insofern weiß ich nicht, welche Politikertweets hier “scheiße abgrundtief schlecht” sein sollen. Es sei denn, man verbindet mit dem Begriff Politiker nur die Namen, die in der Tagesschau und im SPIEGEL auftauchen und findet die alle in seiner Antihaltung, pardon, “Scheiße”.

Twitter Screenhot

Twitter Screenshot

Twitter Screenshot

Twitter Screenshot

@mspro schreibt in seinem Blog unter der Überschrift “Ihh, Politiker” weiter: “Die Teilnehmer, vor allem die in Parteien engagierten, reagierten derart emotional, dass wir uns zeitweise fragten, ob wir den Eindruck machten, dass wir imstande wären, bis Mittwoch alle Parteien abzuschaffen”.

Zu der Emotionalität vielleicht ein paar Sätze. Wenn von “den Parteien” die Rede ist, wird gerne übersehen, dass diese zu weit über 99% aus Menschen bestehen, die das alles ehrenamtlich in ihrer Freizeit und ohne Bezahlung machen. Für uns (ich vereinnahme jetzt einfach mal alle) ist das ein Hobby, das wir gerne machen und für das wir unter dem Strich draufbezahlen – finanziell wie persönlich, wenn wir etwa Familienzeit für Politik opfern müssen. Damit will ich auch gar nichts schönreden! Parteien haben riesige Probleme: Die Mitglieder werden immer älter und sterben weg, Neueintritte sind viel zu selten, Kommunikation findet häufig nicht so offen und transparent statt wie auch wir uns als Mitglieder das wünschen würden. Es gibt viele Dinge, die man verbessern kann und muss. Wenn ich aber auf einer Session erstmal zu hören bekomme, dass Parteien ohnehin überflüssig werden, tendenziell mafiös sind und sich den Staat unter den Nagel reißen wollen, sehe ich nicht wirklich eine Basis für eine Diskussion. Man kan seinem Gegenüber nicht implizit das Existenzrecht absprechen und dann eine ruhige, sachliche Diskussion erwarten. @mspro schreibt auch über sich selber: “ich bin ja durchaus als Polittroll angereist”. Sorry, aber so funktionieren Diskussionen nicht, wenn man ernsthaft an einer Lösung oder zumindest an einer Fortentwicklung interessiert ist. Es sei denn, man interessiert sich überhaupt nicht für Lösungen und möchte nur seiner Antihaltung Luft machen – aber darauf muss ich nicht wirklich einsteigen.

Weiter schreibt @mspro in seinem Blog: “Die Diskussionen waren heftig, aber gut. Sie zeigten die Bruchlinen sehr genau, die zwischen Netzbewohnern und den traditionellen Parteipolitikern verlaufen – zwar etwas überzeichnet – aber dafür deutlich. Alleine dafür hat es sich gelohnt.”

Sorry, aber auch das ist hanebüchen. Ich habe mit einem C16 angefangen, war ab etwa 1991/92 mit einem 2.400′er Modem in den lokale Mailboxen unterwegs, habe Mail und News per UUCP gepollt, an Open Source Projekten mitgearbeitet und seit 1996 Linux benutzt. Ich bin genauso “Netzbewohner” oder “Netizen” wie die, die sich am Wochenende offenbar exklusiv dafür gehalten haben. Darüber hinaus bin ich aber auch SPD Mitglied, mache Kommunalpolitik und versuche immer wieder Netzthemen anzusprechen. Genauso ist es zum Beispiel mit Malte Steckmeister (@stecki), der Fraktionsvorsitzender der CDU in Delingsdorf ist und Anfang der 1990′ger selber eine Mailbox betrieben hat. Es gibt keine Bruchlinie zwischen “Netzbewohnern und den traditionellen Parteipolitikern” – es gibt nur einen Generationsunterschied, den es übrigens genau so auch im Rest der Gesellschaft gibt. Die Netzaktivisten sollten aufpassen, dass sie sich nicht als Elite verstehen, die meinen, anderen etwas beibringen zu müssen. Mit der Haltung kommt es nämlich nicht zu fruchtbaren Diskussionen, sondern nur zum Austausch von Polemiken.

Und bevor ich hier zu mimosenhaft erscheine: Ich bin auch für ein gepflegtes Bashing von Parteien und Politikern zu haben, wenn es denn einigermaßen humorvoll ist. Ich lese die Titanic, schaue politisches Kabarett und finde es großartig, wenn man sich über alles lustig macht. So hätte ich mir einen Einstieg in die Twitterlesung auch vorstellen können – aber nicht mit einem “Alles Scheiße, Deine Elli!“.