Posts Tagged: LN


18
Mai 10

Die Lübecker Nachrichten, die EU und der Europarat

Die Lübecker Nachrichten berichten heute auf der Titelseite über die Auswirkungen eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte und titeln:

„Schwerverbrecher profitieren von EU-Urteil(…)”

Da steckt leider der Fehler schon in der Überschrift. Es gibt hier kein „EU-Urteil”, sondern ein Urteil des Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR), wie es weiter unten im Artikel auch korrekt angeführt wird. Der besagte Gerichtshof hat mit der Europäischen Union (EU) genau gar nichts zu tun, sondern ist Teil des Europarates bzw. der Europäischen Menschenrechtskonvention, der die Mitglieder des Europarates beigetreten sind. Insofern gibt es hier kein „EU-Urteil”, weil das schlicht nichts mit der EU zu tun hat. Dieser kleine, feine Unterschied ist vor allem wichtig, wenn man die Konsequenzen dieses Urteils verstehen will. So heißt es in einem Kommentar auf Seite 2 der LN:

„Der Gesetzgeber muss jetzt schnellstens handeln und EU- und Bundesrecht in Einklang bringen.”

Tja, da wird der Autor des Kommentars vermutlich sehr lange warten können, bis das passiert. Hier wurde nicht über das Recht der Europäischen Union geurteilt, sondern über die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK). Der EGMR hat festgestellt, dass die Regelung in Deutschland unter anderem  gegen Artikel 7 der EMRK verstößt:

„Niemand darf wegen einer Handlung oder Unterlassung verur­teilt werden, die zur Zeit ihrer Begehung nach innerstaatlichem oder internationalem Recht nicht strafbar war. Es darf auch keine schwerere als die zur Zeit der Begehung angedrohte Strafe verhängt werden.” (Quelle: EMRK)

Entscheidend ist hier der zweite Satz, der klar vorschreibt, dass nicht nachträglich eine Strafe verhängt werden darf, die zum Zeitpunkt der Tat nicht vorgesehen war. Insofern kann die Sicherheitsverwahrung natürlich neu geregelt werden — nachträglich wird sie aber nicht angewendet werden können. Da gibt es keine Möglichkeit, dies über „EU- und Bundesrecht” zu regeln.

Was mich an der Berichterstattung und der Kommentierung der LN aber wirklich ärgert, ist die Behauptung, dass dies irgendwas mit der EU („EU-Urteil”, „EU- und Bundesrecht”) zu tun habe. Solche Dinge sollte man schon sauber trennen. Sonst füttert man immer weiter alle möglichen Vorurteile gegenüber der Europäischen Union.

Das Ergebnis sind dann solche anonymen Kommentare auf LN-Online:

Schneider: „Ausgerechnet die deutsche Politik ist nun besorgt, nachdem man die Souveränität Deutschlands schon lange – mutwillig und bewußt – an der Garderobe der EUdSSR abgegeben hat.”

Dietrich: „Da frage ich mich erneut, was bringt uns die EU? In Brüssel sitzen dem Anschein nach nur weltfremde Politiker, die ihre Daseinsberechtigung irgendwie beweisen müssen, egal, aus welchem Mitgliedsland. Das Ergebnis ist dann so ein EU-Recht.” (usw, Quelle)

Ob man das Urteil zur nachtrgäglichen Sicherheitsverwahrung richtig oder falsch findet, ändert immer noch nichts daran, dass die EU damit schlicht und ergreifend nichts zu tun hat. Wenn man dagegen protestieren will, muss man sich an den Europarat wenden oder ganz einfach dafür eintreten, dass Deutschland nicht mehr Teil der Europäischen Menschenrechtskonvention ist.


17
Jan 09

Wie Journalismus funktioniert

Truth ©Daniel Y. Go (cc:by-nc-bd)

Truth ©Daniel Y. Go (cc:by-nc-bd)

EMail des Lübecker SPD Vorsitzenden an alle SPD Mitglieder vom 14.01.09:

“Auch über das in verzerrter Weise von den LN dargestellte Gespräch zwischen Peter Reinhardt als SPD-Fraktionsvorsitzendem und mir mit dem CDU-Kreisvorsitzenden Sauter und dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Zander vom vergangenen Freitag ist unserem Kreisvorstand am Montagabend berichtet worden. Ablauf und Inhalt des Gespräches ist unserer Pressemitteilung zu entnehmen. Ausdrücklich ist von uns in dem Gespräch erklärt worden, dass wir für unseren Bausenator um eine Mehrheit mit BfL und Grünen bemüht sind. Ein Entgegenkommen oder eine Zusage für eine mögliche Wiederwahl von Herrn Geißler hat es nicht gegeben!

Aus der Pressemitteilung der SPD Lübeck vom 13.01.09:

“Thieß betonte jedoch, dass er der CDU-Spitze deutlich erklärt habe, dass die SPD unverändert um die Unterstützung von BfL und Grünen bei der Senatorenwahl werben würde. Eine Unterstützungszusicherung für den Umweltsenator Geißler sei im Übrigen weder abgefordert noch abgegeben worden. Die SPD werde sich wie alle Fraktionen im Rathaus zu gegebener Zeit mit dieser Frage beschäftigen und vorurteilsfrei mit gleichen Argumenten eine Abwägung für die Besetzung dieser Position vornehmen, wie sie es bei den jetzigen Amtsinhabern getan hat.” (Quelle)

Artikel in den Lübecker Nachrichten vom 17.01.09:

“Mit dem Senatoren-Handel zwischen SPD und CDU habe die BfL-Entscheidung nichts zu tun, versichert Mildner. Die Spitzen der beiden großen Parteien hatten sich vor einer Woche auf die Wiederwahl des SPD-Bausenators geeinigt. Im Gegenzug hatten die Sozialdemokraten signalisiert, einer zweiten Amtszeit des CDU-Innensenators nicht im Wege zu stehen – was viel Wirbel hinter den Rathaus-Kulissen ausgelöst hatte.” (Quelle)

Welchen Grund kann es eigentlich geben, dass die LN stur das Gegenteil behaupten?


14
Jan 09

Die LN und der versprochene Senator

Die LN haben ja bekanntermaßen (hier und hier) die kühne Behauptung aufgestellt, dass die SPD der CDU die Wiederwahl Geißlers als “Deal” für deren Wiederwahl des Bausenators versprochen hätte. Dazu hat Peter Thieß schon ausreichend Stellung bezogen. Deswegen nur eine klitzekleine Ergänzung, die mich heute per Mail zu dem Thema erreicht hat:

“Die LN hat für den gestrigen und den heutigen Artikel nicht einmal mit Peter Thieß und Peter Reinhardt gesprochen.”

Sollte das so stimmen, würde ich doch mal ganz zaghaft in Richtung Lübecker “Nachrichten” fragen, ob das deren Vorstellung von Journalismus ist. Im Pressekodex des Presserates heißt es dazu:

“Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. (…) Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.” (Hervorhebung von mir)

In dem ersten Artikel der LN über den angeblichen Deal kann ich kein “angeblich”, “soll” oder ähnliches finden, mit dem Gerüchte oder unbestätigte Meldungen gekennzeichnet werden könnten. Für Frau von Zastrow handelt es sich anscheinend um eine unumstößliche Tatsache. Und falls sie wirklich weder mit dem Fraktionsvorsitzenden noch dem Kreisvorsitzenden der SPD geredet haben sollte, ist das ein richtiges Armutszeugnis.

Aber vielleicht irre ich mich ja auch…


30
Dez 08

Ralf Stegner, ein “Kotzbrocken”?

Ralf Stegner ©Dietmar Walberg (cc-by-sa)

Ralf Stegner ©Dietmar Walberg (cc-by-sa)

Die Lübecker Nachrichten haben heute ein Interview mit dem Chef des Meinungsforschungsinstituts veröffentlicht, in dem dieser Ralf Stegner einen “Kotzbrocken” genannt hat und der SPD einen baldigen Wechsel des Spitzenkandidaten empfiehlt. Wörtlich heißt es in dem Interview:

LN: Warum bekommt der SPD die Große Koalition so viel schlechter als der Union?
Güllner: Die SPD hat ihre Schwachstellen und zeigt sie zur Verunsicherung ihrer Wähler immer wieder. Der Ausschlussversuch und der Austritt Wolfgang Clements. Hessen, wo Andrea Ypsilanti nicht zurücktritt. Oder nehmen Sie Ralf Stegner in Schleswig-Holstein. Der wird, mit Verlaub, von den Menschen als Kotzbrocken wahrgenommen. Wo immer er auftritt, stabilisiert er dieses Bild. Das alles hält die SPD unten.

LN: Sollte die SPD Stegner etwa verstecken?
Güllner: Jeder weiß, dass er unsympathisch wirkt und der ungeeignetste Kandidat ist, den man einem Ministerpräsidenten Carstensen entgegenstellen kann. Den Schleswig-Holsteinern kann man nur raten, ihn zu verstecken.” (Quelle)

Mal ganz davon abgesehen, dass sich jemand mit einem Begriff wie “Kotzbrocken” selber disqualifiziert, kann man solche Äußerungen nicht unwidersprochen stehen lassen. Als erstes muss man dazu einige Sätze über den Chef von Forsa verlieren, der sich in den vergangenen Jahren regelmäßig negativ über die SPD geäußert hat und dies immer als Meinung des Volkes verstanden wissen wollte. Das Medienmagazin “ZAPP” des NDR hat darüber berichtet:

“Es ist schon auffällig – seit über einem Jahr schneidet die SPD bei den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Durchschnitt um vier Prozent schlechter ab als bei Infratest Dimap oder der Forschungsgruppe Wahlen. Und Forsa Chef Manfred Güllner lässt kaum eine Gelegenheit aus, um sich in den Medien kritisch über die Sozialdemokraten und ihren Parteichef Beck zu äußern. Dabei ist Güllner selbst SPD-Mitglied. Was ist also der Grund für die miesen Zahlen? Sozialdemokraten sprechen von Manipulation und werfen Güllner verletzte Eitelkeit vor, weil er keine Aufträge mehr vom Willy Brandt Haus bekommt. Güllner liefert seine Erklärung: Die Forsa Zahlen seien die einzig richtigen, die anderen Institute würden falsch liegen.” (Quelle)

Man muss nur mal bei Google nach Interviews mit Güllner suchen, um die ganzen Watschen, die er gegenüber der SPD verteilt, nachzulesen. Von einem neutralen Meinungsforschungsinstitut erwarte ich eigentlich etwas anderes. Sei’s drum. Allerdings sollte man diese “Kotzbrocken” Behauptung von Güllner auch nicht einfach so stehen lassen. Dieses Vorurteil über Ralf Stegner, dass dieser eben ein arroganter Kotzbrocken sei, kann ich auch nicht mehr hören. Deswegen ein paar Sätze dazu.

Ich habe Ralf zum ersten Mal im Jahr 2003 (oder 2004?) bei einer Veranstaltung im Restaurant auf der Lohmühlen Tribühne getroffen, als es um die finanzielle Förderung des Sports im Allgemeinen und auch um die Finanzierung des VfB Fanprojekts ging. Das war eine Veranstaltung im kleinen Kreis auf der offen diskutiert wurde und ich auch immer den Eindruck hatte, dass das eine fruchtbare Diskussion war. Im Verlauf der weiteren Jahre habe ich Ralf dann immer wieder auf kleinen wie auch größeren Veranstaltungen und Diskussionsrunden erlebt. Dabei habe ich keinen Kotzbrocken entdecken können. Ganz im Gegenteil: Ralf ist jemand, der ernsthaft zuhört, sich mit den Problemem auseinandersetzt und dabei nicht von oben herab wirkt. Ich wüsste wirklich nicht, was ihn als “Kotzbrocken” qualifizieren könnte.

Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Ralf Stegner und vielen anderen Politikern. Ralf hat klare politische Ansichten und kann die auch zugespitzt formulieren. Das ist natürlich ein ziemlicher Unterschied zu Politikern wie Peter Harry Carstensen (noch Ministerpräsident; ehemals Teilnehmer von “Bauer sucht Frau” in der BILD), die sich politisch wie der berühmte Wackelpudding verhalten, den man nur schwer festnageln kann. Wenn man – wie PHC – nur herumeiert und mit keiner Meinungsäußerung anecken will, läuft man natürlich wenig Gefahr, politisch angegriffen zu werden.

Mir sind Politiker lieber, die eine Meinung haben und diese auch formulieren können.