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20
Dez 08

Gerechtigkeit als direkter Weg nach Nordkorea?

gerecht + besonnen (©schoeband/flickr/CC-BY-NC)

gerecht + besonnen (©schoeband/flickr/CC-BY-NC)

In der FAZ ist ein Artikel von Paul Nolte erschienen, in dem er sich auf die Behauptung versteift, dass der momentane Ruf nach mehr Gerechtigkeit die Freiheit untergräbt. In diesem Beitrag rechtfertigt er unter anderem indirekt Chancenungleichheit und vorhandene Ungerechtigkeit:

“Inzwischen erweckt die Debatte jedoch den Eindruck, als sei es überhaupt illegitim und ungerecht, dass die soziale Herkunft, also die Prägung des Elternhauses, Kindern Unterschiedliches mit auf den Weg gibt. Doch wäre es beschämend, wenn das anders wäre: wenn nämlich bildungsbürgerliche Eltern ihren Kindern nicht ihr „Mehr“ an Sprach- und Kulturkompetenz mit auf den Weg geben würden. Unausgesprochen orientiert sich unser Idealbild von Gerechtigkeit an einer Gesellschaft, in der im Generationsübergang alle „Karten neu gemischt“ werden.”

Das ist natürlich sprachlich gewitzt von Nolte – als wollte irgend jemand den Kindern, die bessere Startchancen in ihre Bildungskarriere haben, etwas von dem streitig machen, worüber sie verfügen. Vielmehr geht es doch um die Frage, wie gerecht eine Chancenverteilung sein kann, in der Kinder von vornherein weniger Chancen haben, nur weil sie aus bestimmten Verhältnissen kommen, die ihnen eben kein einfaches Vorankommen ermöglichen. Das ist kein “unausgesprochenes Idealbild”, in dem bei jedem Generationsübergang die “Karten neu gemischt” würden. Das ist eher die schlichte Feststellung, dass kein Kind sich seine Herkunft aussuchen kann, es aber trotzdem Vor- und Nachteile daraus bezieht. Wenn aber jemand eine Benachteiligung erfährt, für die er (oder sie) nichts kann – ist das dann keine Ungerechtigkeit?

Das Problem an Noltes Text ist vor allem die implizite Überführung von Gerechtigkeit zu Gleichheit – wer für Gerechtigkeit eintrete, meine eigentlich Gleichmacherei, und die führe über kurz oder lang in nordkoreanische Verhältnisse:

“Allzu leicht gerät in Vergessenheit, dass Gerechtigkeit (jedenfalls in dem neuen, eingeschränkten Sinne, den wir zuletzt betrachtet haben) kaum ein genuiner, ein eigenständiger Wert ist. Was haben wir von einer sozialen Gerechtigkeit der Verteilung, wenn alle arm sind und unfrei? Eine solche Nordkoreanisierung kann kein politischer, erst recht kein moralischer Fluchtpunkt sein.”

Nolte behauptet also zuerst, dass Gerechtigkeit von vielen heute als umverteilende Gleichmacherei verstanden würde, leitet daraus nordkoreanische Verhältnisse als Folge ab und kommt dann schließlich zu dem – für ihn logischen – Schluss, dass Gerechtigkeit als Wert abgeschafft gehört:

“Soziale Depression und Gerechtigkeitsromantik: Diese Kombination setzt eine Spirale in Gang, die nur abwärts führen kann. Wir können also mit Recht daran zweifeln, ob die Gerechtigkeit der höchste Wert ist, dem wir nacheifern sollen. Nehmen wir in diesem Sinne also Abschied von der Gerechtigkeit.”

Potzblitz! Weil Paul Nolte den Wert der Gerechtigkeit in Gleichmacherei umgemünzt sieht, will er ihn lieber gleich abschaffen. Ganz im ernst: Er hat insofern Recht, als dass es vielfach einen Trend gibt, in dem aus der Forderung nach gerecht verteilten Chancen, schnell die Forderung nach Umverteilung von Vermögen abgeleitet wird. Bestes Beispiel für solche Neiddebatten sind sicherlich die Vertreter der sogenannten “Linkspartei”. Daraus aber zu schlußfolgern, dass Gerechtigkeit allgemein nur noch als Umverteilungsforderung verstanden wird, die in nordkoreanische Verhältnisse mündet, halte ich für hanebüchen. Für eine ausführliche Diskussion des Begriffs der Gerechtigkeit, empfehle ich an dieser Stelle den Philosophen John Rawls und sein Buch “Eine Theorie der Gerechtigkeit” (bei Wikipedia nachzulesen). Dort wird der Begriff der Gerechtigkeit rational hergeleitet. Rawls Begriff von Gerechtigkeit ist eine sehr gute Diskussionsgrundlage für solche Debatten.

Die Zielgruppe solcher Artikel von Nolte bedankt sich dann auch recht schnell in den Kommentaren unter dem Artikel. So schreibt dort ein User mit dem Namen “Sylvia Fox”:

“Wir dürfen Alleinerziehende nicht mehr als Heldinnen des Alltags ehren. Sie haben entweder unverantwortliche Entscheidungen in ihrem Leben getroffen oder haben Pech in ihrem Leben gehabt (Mann hat sie verlassen oder ist gestorben). Sie leben ein Modell, mit dem sie sich selbst und ihren Kindern schaden. Sie sind als Alleinerziehende zu bedauern, nicht zu bewundern. Ihre Kinder haben keine Väter, was besonders die Entwicklung den Jungen erheblich erschwert. (…) Sie geben außerdem dieses falsche Familienmodell und das eigene Rollenvorbild automatisch als Vorbild an ihre Kinder weiter.”

Das ist das Fazit dieser Gedankengänge: Wer also unverschuldet in einer benachteiligenden Situation ist, hat eben selber Schuld. Egal wie.