Posts Tagged: Demokratie


3
Mrz 09

Elektronische Wahlgeräte

©fabnie (cc:by-nc-sa)

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Bekanntermaßen hat das Bundesverfassungsgericht heute entschieden, dass die Wahlcomputer vorläufig verschwinden müssen, da man mit ihnen die Wahl nicht öffentlich nachvollziehen kann. Lesenswert dazu ist übrigens ein Teil der Stellungnahme des Bundestagsausschusses von 2006, der damals die Widersprüche gegen die Bundestagswahl verhandelt (und abgewiesen) hat:

“Zu dem Vortrag des Einspruchsführers hat das Bundesministerium des Innern (BMI) unter Einbeziehung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und des Bundeswahlleiters – ebenso wie zu weiteren Einsprüchen, die sich auf das Thema der elektronischen Wahlgeräte beziehen – mit Schreiben vom 3. Mai 2006 Stellung genommen.(…)
Zur Kritik des Einspruchsführers, dass die Verwendung von Wahlgeräten ohne (Papier-)Protokollfunktion dazu führe, dass eine Auszählung nicht überprüfbar sei, wird wie folgt Stellung genommen:
Ein denkbares, bei Geräten der Firma NEDAP aber nicht erstelltes, Papierprotokoll (auch engl. Voter Verifiable Paper Audit Trail [VVPAT] genannt) werde durch das Wahlgerät vor der endgültigen Stimmabgabe ausgedruckt, dem Wähler hinter Glas präsentiert und nach der Bestätigung durch den Wähler und damit endgültiger Stimmabgabe in eine angeschlossene Urne geworfen.
Die Verwendung von VVPATs habe Vor- und Nachteile und sei in der Fachwelt nicht unumstritten. Insbesondere sei durch die Verwendung eines VVPAT keine unabhängige Verifikation möglich. So könne der VVPAT, wie jedes Papierprodukt, manipuliert werden. Es gebe ungezählte Möglichkeiten, professionell aussehende Drucksachen herzustellen. Für das zusätzlich erforderliche Zerstören oder Austauschen von Stimmzetteln seien keinerlei besondere Fähigkeiten nötig. Im Gegensatz dazu erfordere das Manipulieren elektronischer Daten spezielle Kenntnisse. Aus diesen Gründen sei der VVPAT grundsätzlich unzuverlässiger als die elektronischen Daten. Der VVPAT sei auch nicht unabhängig. Er könne nicht das mangelnde Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Wahlgeräts ersetzen, da er vom Wahlgerät erzeugt werde. Nachdem der Wähler die Wahlkabine verlassen habe, könne das Wahlgerät z. B. den gerade erzeugten VVPAT als ungültig markieren und einen neuen drucken. Dies könne zwar mit Tests entdeckt werden. Der VVPAT solle aber gerade deswegen verwendet werden, weil den Tests des Wahlgeräts kein Vertrauen entgegengebracht werde. Werde der VVPAT um verschlüsselte Merkmale ergänzt, um das Einfügen zusätzlicher Papierquittungen oder das Ersetzen von Papierquittungen zu verhindern, dann könne er wiederum nicht mehr durch den Wähler überprüft werden. Der Wähler sei dann nicht mehr in der Lage zu entscheiden, ob der ihm präsentierte VVPAT korrekt markiert worden sei und später mitgezählt werde. Weiter sei für die Realisierung ein Drucker nötig, der nicht nur ausfallen könne, sondern während des Wahltages auch kleinere Probleme wie Papierstau, auslaufende Tinte usw. verursachen könne. Zudem sei es bei Wahlen mit vielen Stimmen möglich, dass der Wähler seine Auswahl teilweise vergesse und fälschlicherweise annehme, dass der VVPAT nicht korrekt sei. Dies erhöhe unberechtigterweise die Zweifel gegenüber dem Wahlgerät und könne zu einer überflüssigen Nachzählung führen. Schließlich sei es sehr schwierig, VVPATs so zu gestalten, dass auch behinderte Wähler mit ihnen zurecht kämen. So könnten z. B. Sehschwache wieder auf Hilfe angewiesen sein, um ihren VVPAT zu kontrollieren. Abschließend verweist das BMI auf eine kleine Studie des Massachusetts Institute of Technology, eines der renommiertesten Technologie-Forschungsinstitute der USA, die ergeben habe, dass der größte Teil der Testwähler den VVPAT ungelesen bestätige oder, wenn er ihn gelesen und als fehlerhaft empfunden habe, trotzdem bestätige (in der Annahme, dass das Papier nicht lügen könne).
Das VVPAT könne allerdings u. U. auch Vorteile haben. Bisher fehlten jedoch praktische Erfahrungen mit diesem Hilfsmittel. In den nächsten Jahren stünden mehrere Wahlen im Ausland mit VVPAT bevor, die wissenschaftlich untersucht werden sollten. Die PTB werde die weitere Entwicklung auf diesem Gebiet beobachten. Derzeit spreche nichts dafür, dass ein VVPAT die ohnehin schon hohe Sicherheit der Wahlgeräte noch erhöhen würde. Ein generelles Misstrauen der Bevölkerung in die Sicherheit der Wahlgeräte sei ebenfalls nicht ersichtlich, so dass auch dieser Aspekt nicht die Einführung des VVPAT angeraten erscheinen lasse.”

(Drucksache 16/3600, S. 15)

Die Logik ist natürlich großartig. Erst durch die Einführung von Papierquittungen des Wahlvorgangs könne es überhaupt zu Problemen kommen und womöglich das (quasi natürlich vorhandene) Vertrauen der Bevölkerung erschüttern. Der “schönste” Satz ist für mich: “Zudem sei es bei Wahlen mit vielen Stimmen möglich, dass der Wähler seine Auswahl teilweise vergesse und fälschlicherweise annehme, dass der VVPAT nicht korrekt sei. Dies erhöhe unberechtigterweise die Zweifel gegenüber dem Wahlgerät und könne zu einer überflüssigen Nachzählung führen.”


29
Feb 08

Vandalismus

www.flickr.com

Ich weiß ehrlich nicht, wer für die Genossen in Hamburg die Plakate klebt und aufstellt. Für uns Lübecker kann ich jedenfalls sagen, dass wir das alles selber machen und das jedesmal auch ein Heidenaufwand ist. Auch in Kiel wird offenbar noch selber geklebt und aufgestellt:  Bilder vom Kleben. Wer solche Plakate zerstört, trifft damit nicht irgendwelche anonyme Großparteien, die ja alle vermeintlich im Geld schwimmen, sondern die ganz normalen, einfachen Mitglieder, die ihre Freizeit opfern, um solche Plakate zu erstellen. Vielen Dank auch!


30
Aug 07

Politikverachtung

Von Friedbert Pflüger bin ich politisch vermutlich weiter entfernt als alles andere. In einem Punkt hat er jedoch Recht: Wenn man von Politik und Politikern nicht mehr in einem normalen Ton spricht, sondern jedem irgendwie politisch Tätigen sofort und pauschal nur noch Lüge und Betrug unterstellt, geht jede Demokratie früher oder später den Bach runter. Zu einer sachlichen Diskussion gehört auch, dass man in Ruhe über die Dinge diskutiert, die falsch laufen und abgestellt gehören. Genauso gehört dazu auch Polemik, Satire oder Übertreibung. Wenn man aber überhaupt nicht mehr über Fakten streitet, sondern sein Gegenüber nur noch pauschal der Lüge bezichtigt, ist gar keine Diskussion mehr möglich. Zur Demokratie gehört auch eine Streitkultur, in der man sich gegenseitig zumindest achtet auch wenn man in vielen Punkten nicht übereinstimmt. Das gilt nicht nur für die beteiligten Politiker sondern für alle.


27
Jun 07

Direktwahl des Bundespräsidenten?

Seit Christiansens Abschied am Sonntag geistert die übliche Debatte wieder durch alle Medien: Sollte der Bundespräsident direkt gewählt werden? Ist das eine überlegenswerte Idee und sogar “mehr Demokratie” wie einige behaupten? Weder noch, wie ich finde.

Es ist schon verwunderlich. Die Bewertung des jeweiligen Bundespräsidenten reicht in der Regel von völliger Beliebtheit bis maximales Desinteresse ohne jedoch auf wirkliche Ablehnung zu stoßen. So richtig unbeliebt scheint der Bundespräsident bei niemandem zu sein. Das geht bis hin zur Verklärung als Überfigur, die über allem politischen steht und dem Parteienstreit Einhalt gebieten soll. Dabei wird allerdings eines übersehen: Der Bundespräsident kann nur als integrierende Figur im Hintergrund stehen, eben weil er überhaupt keinen politischen Einfluss hat. Würde man einen Bundespräsidenten immer noch positiv beurteilen, der konkret zu Steuer- und Gesundheitsreform äußert? Der sich in politische Entscheidungen von großer Tragweite einmischt? Vermutlich nicht. Er geriete dann in den genau den gleichen Streit um die die richtige Idee, der für eine Demokratie eben lebensnotwendig ist. Dieser Streit erlaubt aber keine neutrale Beobachterposition. Hier muss man irgendwann Stellung für oder gegen etwas beziehen. Ein Bundespräsident, der sich also in konkrete Politik einmischt, wird sehr schnell seinen Ruf als neutrale und integrierende Person verlieren, weil das schlicht nicht möglich ist. Wer sich für eine politische Position entscheidet, hat mindestens die andere Hälfte gegen sich.

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