Was mir schon auf dem Politcamp 09 in Berlin aufgefallen ist, war diese unglaubliche Arroganz, mit der einige selbsternannte Vertreter der “Generation Internet” (oder meinetwegen auch: Generation C64) politische Positionen für sich reklamiert haben. Da begreifen sich einige als seligmachende Elite, der die Zukunft gehört und die deswegen mit dem Rest der Gesellschaft nichts zu tun haben muss. Ausdruck solcher Denkweise ist zum Beispiel ein aktueller Artikel von Kristian Köhntopp, der genau von der Selbstherrlichtkeit sprudelt, die von diesen Leuten ironischerweise immer politisch Verantwortlichen vorgeworfen wird:
“Wir sind definitiv keine 80 Millionen und wir haben den Rest dieses Landes so dermaßen weit abgehängt, daß wir nicht einmal mehr eine gemeinsame Sprache haben. (…) Rupert Scholz und mit ihm die Partei, die er repräsentiert, stehen für diese Welt der Zurückgebliebenen. Wir nennen sie Alte Männer mit Kugelschreibern oder Internetausdrucker. Wir wissen nicht, wie wir mit ihnen reden sollen und wie wir ihnen unsere Welt erklären sollen, und wir hoffen, daß es eine biologische Lösung für dieses Problem gibt.” (Hervorhebungen von mir)
Der Rest des Artikels ist gefüllt mit dem üblichen “Seit 100 Jahren habe ich einen Computer, deswegen weiß ich Bescheid” Argument. Ich weiß nicht wie arrogant man drauf sein muss, um sich selber als eine Elite zu begreifen, die “den Rest dieses Landes so dermaßen weit abgehängt” hat, aber ich weiß, dass ich Arroganz für eine ganz üble Eigenschaft halte. Vor allem ist sie hinderlich, wenn man – Achtung! – miteinander ins Gespräch kommen will. Wer sich selber so tief in seinen Schützengraben einbuddelt, ist an Gesprächen nicht interessiert. Das kann man auch als fehlende Sozialkompetenz bezeichnen.
Wir Netziens (nicht Webziens!) haben die restliche Welt abgehängt. Das ist Fakt. Ob das nun eine Elite ist oder nur eine Sekte, das wird die Zeit zeigen. Unbestreitbar aber ist, dass “der Rest” der Welt” nicht versteth, was wir tun und wie wir leben. Das nennt man je nach Stndpunkt abspalten oder abhängen.
Frei nach dem Motto “getroffene Hunde bellen” finde ich es bezeichnend, wie diese Tatsache hier (wieder einmal ohne Verstädnis) gewertet wird.
Nein, wir wollen nicht zurück in die Welt der Internetausdrucker. Uns gefällt es hier. Wenn ihr nicht nachkommen wollt, dann laßt uns doch einfach in Ruhe! Ach nein, könnt ihr ja nicht. Manchmal sind ist das Web ja doch einfach zu praktisch, verlockend, gewinnbringend, whatever – nicht…?
“Wir Netziens (nicht Webziens!) haben die restliche Welt abgehängt. Das ist Fakt.”
Genau diese Denke ist das Problem. Aber ich wiederhole mich unnötig.
Meine Mutter ist jetzt 83 und seit 8 Jahren im Netz unterwegs. Mit Email, Scanner und Digitalkamera. Dreisprachig und mit Accounts bei WkW et. al.
Wenn sich nur 10% der 30 Jahre jüngeren Internetausdrucker daran ein Beispiel nehmen würden, wäre diese Welt eine Bessere.
P.S.: Und ich bin stolz auf sie!
man findet einen mit überspitztem ton formulierten blog eintrag und antwortet mit der selben so eben kritisierten arroganz. wenigstens herrscht hier waffengleichheit :-)
Trotzdem hat Kai in einem wichtigen Punkt recht. Von vielen der digitalNatives
Wird den Politikern pauschal und vollstaendige Unverstaendnis von
Internetthemen vorgeworfen.
Und wenn nicht das, dann zumindest vollstaendiges Desinteresse. Das macht dann die folgende Auseinandersetzung auch so schoen einfach ;-)
Hier kann ein Eliten- oder Sekten-Selbstverstaendnis fuer die Kommunikation schon recht hinderlich sein.
Das Problem des Abhängens (oder des Abgehängtseins) entszünde nicht (in dem Maße), befleißigten sich manche Politentscheider zu verstehen, worüber sie Gesetze machen.
Wenn eine Justiministerin über Internet-Kriminalität spricht, aber (auf Nachfrage) nicht weiß, was ein Browser ist, dann erkenne ich da ein strukturelles Versagen.
Das wäre ungefähr so, als ob der Gesundheitsminister über Maßnahmen gegen ansteckende Krankheiten spräche und er nicht wüßte, was HIV ist. In diesem Beispiel faßte sich auch jeder Arzt an den Kopf. Womit? Mit Recht!
Wenn langjährige Fachleute (Kris Köhntopp zähle ich im Bereich Netze wirklich dazu), entsprechend deutliche Kritik an den Politentscheidern üben, dann ist die Aufdeckung der Ahnlungslosigkeit der Betroffenen Politiker natürlich immer ein Zeichen von “Arroganz”. Na klar.
Du beklagst im letzten Absatz mangelnde Gesprächsbereitschaft. Ich kann nicht erkennen, daß die Politik sich durch die (berechtigte) Kritik an den Zensur-Plänen und an ~130.000 Unterstützern der Petition zum Gespräch hat einladen lassen.
Es ist immer einfach, Anderen Arroganz und mangelnde Gesprächsbereitschaft vorzuwerfen. Und es ersetzt natürlich immer die eigenen Argumente.
@1
Sekten gab es schon immmer, auch bevor es vernetzte Computer gab. Ich finde das Internet auch eine wunderbare, demokratische Errungenschaft. Aber ich benutze es, ich lebe nicht im Netz. Ich lebe mit dem Netz. Ach, und: Vielleicht, lieber Kess, gibt es auch irgendwo eine Seite, die Dir noch einmal die deutsche Rechtschreibung erklärt, falls es in der Schule dazu (bestimmt wegen der fehlenden Computerausstattung) nicht gereicht hat.
@3
Wie man wohl mit Scanner und Digitalkamera im Netz unterwegs sein kann? Ich kenne nur Protokolle, Bytes usw., die man über Kabel transportieren kann. Aber ganze Scanner … tolle Sache!
@Nik “Du beklagst im letzten Absatz mangelnde Gesprächsbereitschaft. Ich kann nicht erkennen, daß die Politik sich durch die (berechtigte) Kritik an den Zensur-Plänen und an ~130.000 Unterstützern der Petition zum Gespräch hat einladen lassen.”
Die Gespräche haben stattgefunden. Nicht zuletzt durch die SPD Bundestagsfraktion wurde eine öffentliche Anhörung durchgeführt, in der die Kritik deutlich vorgetragen wurde: http://www.bundestag.de/aktuell/presse/2009/pm_09052010.html
Ebenfalls wird sich der Petitionsausschuss noch mit der Petition öffentlich beschäftigen.
@9: Kai, da verwechselst du definitiv Gespräche mit Anhörungen.
Gespräche sind diese komischen Dinge, die man schon aus der Analogwelt kennt, bei denen im Idealfall zwei Seiten Argumente austauschen und entwickeln. Wenn Gespräche fruchtbar werden, liegt das daran, dass sie in eine Diskussion gemündet sind, bei der beide Seiten einander anhören. Bis jetzt hört nur die digitale Welt der analogen zu.
Anhörungen sind diese Dinger, bei denen vorne ein paar mehr oder weniger gelangweilte Gestalten sitzen und ein paar “Experten” zuhören, denen sie u.U. dann ein paar Fragen stellen. Die Struktur dieser Kommunikationsart entspricht eher Ansprachen und entwickelt im Normalfall das Verständnis von niemanden weiter, sondern alle reden aneinander vorbei. Da Argumente nur in den Raum gestellt, aber nicht aneinander gemessen werden, muss hier nie jemand seine Position überdenken. Wirklich praktisch …
Dass der Petitionsausschuss sich mit einer Petition die einen Gesetzesentwurf betrifft erst beschäftigen kann/will, wenn eben jenes Gesetz bereits in Kraft getreten ist, zeigt, dass es sich hier eben nicht um zuhören oder gar Gespräche handelt, sondern um eine lästige Pflichterledigung im Nachgang. Die Arroganz der digital Natives erklärt sich aus dieser Perspektive sehr gut, auch wenn du Recht hast, dass sie nicht zielführend ist.
Und ja, wir, die das Netz nicht nur zum Mailen benutzen, haben den Rest des Landes hinter uns gelassen, dass ist nun mal die Definition für die Umkehrung von vorauseilen. Das Netz wird nicht verschwinden, sondern im Gegenteil immer mehr an Bedeutung gewinnen. Damit ist klar, welche Richtung vorne ist. Du kannst es arrogant nennen, ändern kannst du es nicht.